MAYA – eine »Mixed-Reality-Techno-Oper«

München besitzt weder Industrie- noch Subkultur? Falsch!

Im ehemaligen Heizkraftwerk Aubing, der letzten Industrieruine der Stadt, realisiert der  Komponist und Sounddesigner Mathis Nitschke seine ›Mixed-Reality-Techno-Oper‹ MAYA als post-utopische Vision:

»Überreste dreier gigantischer Maschinen weisen auf eine hochentwickelte Zivilisation, die 2050 durch eine globale Katastrophe ausgelöscht wurde. Unsere Vorfahren nutzten sie zum Speichern ihres Bewusstseins, das ihnen nach dem Tod  die Erlösung im digitalen Paradies bescherte: Einem Ort ohne Grenzen, soziale Zwänge oder Krankheiten. Nach der Katastrophe soll eine Auserwählte namens Maya mithilfe ihres rückgeführten Bewusstseins eine neue Menschheit erschaffen.«

In seiner ›Mixed-Reality-Techno-Oper‹ lässt Mathis Nitschke realen und elektronisch erzeugter Klangraum in einen multimedialen Dialog treten: Mittels App können die Zuschauer rätselhafte Spuren einer untergegangenen Zivilisation auf ihren Bildschirmen entdecken, Lichtdesign schafft Skulpturen im Raum, musikalische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen aufeinander.

Ich freue mich auf das Künstlergespräch, das ich am 19. Oktoer nach der Vorstellung mit Mathis Nitschke führen darf! In der NMZ (9/2017) findet sich bereits mein Vorbericht: Musikdramatischer Hörspatziergang mit Smartphone. Weitere Informationen: https://mayaoper.de und https://mathis-nitschke.com

 

»Weltpolitik lässt Werke reagieren«

Beim Fed-Cup der deutschen Tennisdamen auf Hawaii kam es Anfang 2017 zu einem Eklat: Bei der Darbietung der Hymnen vertat sich der amerikanische Sänger – und intonierte statt der dritten Strophe des Deutschlandlieds die erste, jene mit dem bitteren Nachhall: „Deutschland, Deutschland über Alles“. Die Betroffenheit der Anwesenden und die anschließende Aufregung in der Presse und den sozialen Netzwerken hat einmal mehr deutlich gemacht, das Nationalhymnen mehr als eine musikalische Gattung sind: vielmehr symbolische Klang-Zeichen.

Dass Nationalhymnen symbolische Klangzeichen wusste schon Karlheinz Stockhausen und schuf zwischen 1966 und 1969 mit seinen HYMNEN einen globalen Entwurf – der in Hörweite der aktuellen Weltpolitik eine Aktualisierung erfährt. Damit  beschäftigt sich mein neuer Artikel in der Neuen Zeitschrift für Musik (NZfM, 4/2017).

DIGITALE KATHARSIS

Sommer ist Festspielzeit in München: Während und nach dem FILMFEST lenkt die Bayerische Staatsoper mit ihren OPERNFESTSPIELEN Ohr und Auge auf das Musiktheater. Neben den klassischen Produktionen im großen Haus, bietet die Festspiel-Werkstatt Raum für zeitgenössische Experimente:

In diesem Jahr legte im Postpalast das Musiktheaterkollektiv AGORA mit [catarsi] den dritten Teil seiner Forschungsreihe PROZESSOR vor. In der Festspielausgabe von MAX JOSEPH, dem Magazin der Bayerischen Staatsoper, ist mein Text „Auf dem Weg in die digitale Katharsis“ erschienen, der zeigt, wie die Gruppe das Publikum durch die Mikrostruktur von Beethovens Fidelio hindurch in eine digitale Katharsis schickt, die alt und neu, analog und digital verschwimmen lässt. Im MÜNCHNER MERKUR vom 29. Juni ist außerdem meine Premierenkritik „Beethoven 2.0„, erschienen…

 

FILMFEST MÜNCHEN 2017

Ich freue mich sehr, beim FILMFEST MÜNCHEN 2017 in praktischer Tätigkeit dabei (gewesen) zu sein!

Das Festival eröffnete am 21. Juli mit Claire Denis‘ süß-bitterem Film „Un Beau Soleil“ mit der wunderbaren Juliette Binoche als ebenso anbetungswürdige wie neurotischische Isabelle. Am Ende wirbelt  Gérard Depardieu mit seinem kurzen aber gewaltigen Auftritt die Frage nach dem Frau- und Mann-Sein durcheinander.

 

Meine Besprechung des Films – „Flüchtige Sonnenstrahlen“ – findet sich im Filmfest-Magazin, das ich mit der Redaktion des FILMFEST MÜNCHEN gestalten durfte. Darin finden sich nicht nur Kurzsynopsen zu jedem einzelnen Film, sondern auch ausführliche Berichte über die Ehrengäste Sofia Coppolla, Reinhard Hauff und Bryan Cranston. Mit dem CineMerit-Preisträger habe ich auf Basis seines Auftritts bei „Filmmakers Live“ ein fiktives Interview geführt, das ihn als klugen Regisseur seiner Person auch jenseits der Leinwand zeigt: Scripted Reality Romcom ist in der cinearte 400 (7/2017) erschienen.

Und vergessen wir nicht, dass der Film ein AUDIO-visuelles Konstrukt ist: Das zeigten die Konzertfilme des „Loud & Famous“-Open Air, auf dem „Heroes“ wie David Bowie (bzw. sein Alter Ego Ziggy Stardust) zumindest auf der Leinwand auferstanden und David Byrne mit den Talking Heads die ewige dadaistische Weisheit noch einmal zeitlos untermauerte:

„Stop Making Sense!“

 

KLINGENDE EKLATS

…coming out soon…

Im Januar 2017  erscheint bei TRANSCRIPT in der Reihe „Histoire“ meine Dissertation:

KLINGENDE  E K L A T S           

Einen ersten Eindruck vermittelt die Gliederung, einen zweiten der Klappentext unten – und wer noch mehr wissen will, der muss bis Januar 2018 warten…

 

Der klingende Eklat ist weit mehr als der Pfeffer musikhistorischer Narrationen. Vielmehr ist der ästhetische Skandal ein kultureller Störfall und Ereignis. Er überschreitet nicht nur die künstlerischen und moralischen Grenzen des guten Tons, sondern greift zudem gesellschaftliche Normen auf und an. Anna Schürmer analysiert diese Verschränkung und zeigt, dass der klingende Eklat dadurch als konfliktiver Seismograf sozialer Problem- wie ästhetischer Experimentierfelder sein analytisches Potenzial gewinnt. An der Schnittstelle von Geschichts- und Musikwissenschaften stellt die medienkulturwissenschaftliche Studie die akustischen Dimensionen der Moderne vor und fokussiert den prismatischen Gegenstand des klingenden Eklats.

RAUSCH(EN): Eine laute Sound-Lecture

Im Rahmen der Finissage der Ausstellung YOU ARE IN MY WAVE gabs am  28. Mai 2017 im Lothringer13 Rausch(en) auf die Ohren:

Zwischen den  „Animal Crackers“ und „Lovebrain and Diskotäschen“ spreche ich über Posthumane Sinfonien – OHNE NOISE – KEINE ZUKUNFTSMUSIK – und unternehme eine klingende Zeitreise durch die Gründe der Medienmusik : Von Stockhausen und Kraftwerk, Varèse und Zappa über den Techno bis in die Ü-Musik der digitalen Ära.

Finissage YOU ARE IN MY WAVE – Konzerte & Sound Lecture

 

Dem sollten Sie Nachgehen!

 

Im aktuellen Münchner Feuilleton (4/2017) ist mein Artikel zu Mathis Nitschkes HörspaziergangVergehen“ erschienen:

„POKÉMON GO“ FÜR MUSIKLIEBHABER

2015 brach in der global vernetzten Welt das „Pokémon Go“-Fieber aus und setzte Liebhaber virtueller Welten zu Massen in reale Bewegung. In München gibt es nun so etwas wie die musiktheatrale Antwort auf das interaktive Nintendo-Spiel: Mit „Vergehen“ hat Mathis Nitschke eine Oper entworfen, die man sich erläuft.

Wie „Pokémon Go“ basiert „Vergehen“ auf dem Prinzip der erweiterten Realität, wobei die virtuelle Welt in klingende Interaktion mit den Objekten der Wirklichkeit tritt. Um das zu erleben, muss man nichts Anderes tun, als eine App auf sein Smartphone zu laden. In diesem Sinne: „Vergehen Go!“

http://vergehen.net

Merke außerdem und weiterführend die „Mixed-Reality-Techno-Oper“ MAYA, die im Oktober in der Ruine des Heizkraftwerks Aubing stattfindet >>>

http://mathis-nitschke.com/wp

Friedrich Schenkers MISSA NIGRA – ein Warnruf IM ANTHROPOZÄN

Der Mensch erscheint im Holozän“ (Max Frisch, 1979). Im Anthropozän aber baut die Spezies ihre eigene Abschussrampe: „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“ (Peter Sloterdijk, 2011).


Friedrich Schenker schrieb sein „Kammerspiel II“ MISSA NIGRA 1979 mit Blick auf ein zynisches Symbol des Kalten Krieges: Die Neutronenbombe ließ den Leipziger Komponisten und Posaunisten „Musik zum pazifistischen Gebrauch“ schreiben; friedvoll sind die Klänge seiner schwarzen Messe allerdings kein bisschen. Vielmehr nutzt er aggressive Tongebung, schärfste Kontraste und  tragikomische Assonanzen, um ins Spiel zu setzen, was auf dem Spiel steht: In seinem alptraumhaften Happening setzt er die unmenschlichen Perversionen des menschlichen Denkens in neun Teilen als Warnruf vor dem menschgemachten Untergang der Spezies in Szene – die im Anthropozän neue Dringlichkeit entfaltet.


Die MISSA NIGRA ist Gegenstand meines publizistischen Zyklus, der sich um eine Aktualisierung des Werkes und seines Stoffes in der Gegenwart bemüht.

Anlass war das „Forum neuer Musik“ des Deutschlandfunks, das sich 2017 mit einem nur scheinbar unmusikalischem Thema beschäftigte:

IM ANTHROPOZÄN“

Der amerikanische Philosoph Timothy Morton prophezeite: „Die Zeit wird kommen wo wir an jeden Text die Frage stellen, was sagt er über das Klima aus“ – und genau das tat Frank Kämpfer mit seinem Forum neuer Musik 2017:

„Der Mensch ist heute der zentrale irdische Akteur. Wir sind dabei, die Biosphäre, unsere Lebensumwelt auf der Jagd nach Wachstum aller Art immer stärker zu stören. Die zeitgenössischen Künste müssen sich dazu positionieren!“

Das zeigt sich nicht nur in neuen Werken wie „Kudzu / the sixth phase/„, in dem die schwedische Komponistin Malin Bång die irdische Klimaerwärmung und die Potenziale der Pflanzen mit musiktheatralen Mitteln zusammendenkt. Auch ältere und in anderen Kontexten entstandene Werke wie „De natura hominis“ (1998) von Georg Katzer oder eben Friedrich Schenkers „Missa nigra“ lassen sich mit heutigen Fragen aktualisieren: Nicht nur Weltpolitik, auch anthropogene Ereignisse wie der Klimawandel, Medienumbrüche wie die Digitalisierung und  neue Formationen zwischen Natur und Kultur wie die „Technosphere“ lassen Werke reagieren.


Den Auftakt zu der Serie macht mein Text DER ALTE FRITZ UND DIE BOMBE, der in der (2/2017) der Neuen Zeitschrift für Musik (NZfM) erschienen ist.

Am 7. April folgt in Köln die Premiere der Neuinszenierung von Oliver Klöter in der musikalischen Interpretation des ensemble 20/21 unter der Leitung von David Smeyers. Am Vormittag, im Rahmen der Matinee an der Kölner Musikhochschule wo Stefan Amzoll, Nina Noeske und ich dem „Naturfreund und Apokalyptiker“ Friedrich Schenker bedachten, hielt ich meinen Vortrag „Der Alte Fritz und die Bombe“ über die Bombe als ebenso physisches wie metaphysisches Symbol für die anthropogenen Schrecken.  Am Abend folgte im Foyer des Funkhauses meine Lecture „Vom Original zur Aktualisierung“, in der ein audiovisuelles Artefakt im Zentrum stand: der Mitschnitt der Urinszenierung von 1979 im Alten Rathaus zu Leipzig, wo die Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“  Friedrich Schenkers kunstvolle Schreckensvisionen als politdadaistische Orgie in schwarzen Farben ausmalte und eine Bo,be lautmalerisch detonieren ließ:

Im Nachgang entstand im Juli 2017 mein Konzertdokument, das in zwei Stunden die Neuinszenierung durch Oliver Klöter und das Ensemble 20/21 unter David Smyers vorstellt und kommentiert und zeigt: Auch in Hörweite der zeitgenössischen Problemlagen – neuen Kriegen, Nationalismus und Protektionismus etc. – entfaltet Friedrich Schenkers MISSA NIGRA ungeheure Kraft.

 

 

Kulturelle Bildung in postfaktischen Zeiten

Das neue Jahrtausend ist schon fast volljährig, die Digitalisierung längst den Kinderschuhen entwachsen und überall von einer Zeitenwende die Rede. Wenn dem aber so ist – in welche Zukunft treten wir ein und was bedeutet das für die Kulturelle Bildung im 21. Jahrhundert?

Unter dem Titel ZUCKERWATTE & SCHWARZBROT  ist im MAX-JOSEPH-Magazin der Bayerischen Staatsoper (3/2017: „Zukunftsmusik„) mein Gespräch mit Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss, Direktorin der Bundesakademie für Kulturelle Bildung in Wolfenbüttel, und Ursula Gessat, Theaterpädagogin an der Bayerischen Staatsoper, erschienen. Der Text zeigt: Vermittlung betrifft vor allem Themen der Gegenwart.

U + E = Ü-Musik

Ein Gedankenmodell zur Überwindung einer belastenden Sezession

Viele wollen es nicht wahrhaben – und doch hat die dialektische Spaltung der Musik in eine U(nterhaltungs)- und eine E(rnste) Sparte in der breiten Öffentlichkeit Bestand. Überholt ist diese Trennung dennoch. Der in der NMZ (12/2016) erschienene Essay Ü-Musik entsteht in den Grenzbereichen ist ein nicht ganz ironiefreies „Gedankenmodell zur Überwindung einer belastenden Sezession“.

U + E = Ü: Aus der linguistischen Formel lässt sich leicht eine klingende Hypothese bilden: Aus U- und E- wird Ü-Musik. Mehr als nur ein Sprachspiel, kann die Verschiebung der kategorischen Umlaute als Gedankenmodell dienen, um aus der belastenden Sezession der analogen Musikkultur auszubrechen und diese in Richtung der hybriden Klangformen der digitalen Klangzeit zu aktualisieren. Damit wird der Zukunftsmusik ihre vielleicht wichtigste Komponente zurückzugeben: Ü-berraschung .