Heroines of Sound

Heroines of Sound stellt sich die Aufgabe, frühe und aktuelle Held*innen des elektronischen Sounds ins Rampenlicht zu rücken. An drei Abenden operierte das Festival 2019 mit Tabubrüchen und Grenzverletzungen, um künstlerisches Terrain zu erweitern, ästhetische Normen zu hinterfragen und unsere Wahrnehmung zu verändern.

Ich hatte die Ehre, das Festival im Gespräch mit Nina Dragičević, Dr. Marleen Hoffmann und Bettina Wackernagel über Female Future Sounds – New Perspectives ob Gender in Music Business zu eröffnen: Hat Musik ein Geschlecht? Wie klingt ›female sound‹? Wie klingt eine ‹HERstory‹ of music? Welche Strategien fördern gender equality? Wie ist die Infrastruktur für female sounds in den unterschiedlichen Ländern? Braucht es Festivals mit reib weiblichen Line-ups, poder ist eine ›post-feministische‹ Normalisierung erwünscht? Was Können Kampagnen wie #MeeToo bewirken?

OUT NOW — !

»Posthuman Perspectives on Early Electronic Music« in: Lars Koch / Tobias Nanz / Johannes Pause (Hg.): Disruption in the Arts, De Gruyter: Berlin 2018.

Electronic music—in particular the early experiments of the 1950s—offers many reference points to reflect on the topic of ‚Disruption in the Arts‘, especially when using the prismatic concept of ‚interferences‘. In physics, the term refers to the superposition of two or more waves that leads to a new wave pattern. In the wider sense of communication sciences, it refers to anything which alters, modifies, or disrupts a message as it travels along a channel. In acoustics, interference refers to the disruptive sound per se: white noise. The latter has become an object of the media and cultural studies as a disruptive element situated in between chaos and information that provides both crisis and progress (Sanio and Scheib 1995; Hiepko and Stopka 2001). Early electronic music has references to all of these implications and definitions. On a material level, the first experiments were nothing less than noise interferences based on the electrical sounds of communication engineering. On a socio-aesthetic level, this sound of interfering frequencies expressed a historical break, which was aligned and overlaid by discourses criticizing medial, social and aesthetic practices. By discussing interferences related to early electro acoustics as striking example of the principle of disruption in the arts, both of the mentioned levels will receive attention in the following sections. It is the argument, that these interferences indicate an epochal threshold and finally offer approaches for reflecting on a posthuman ’state of the art‘ in early electronic music.

(A)SOZIAL: Neue Musik – Neue Medien

Avancierte Musik und die sozialen Medien haben sich für dasselbe Attribut entschieden: Neue Medien – Neue Musik. Nimmt man die Initialen dieser beiden sich also frisch und originell verstehenden Formate, verbindet sie sogar exakt der gleiche Nenner: NM. Diese Synchronizität eröffnet einen Spielraum, um einmal nach der Verwandtschaft von Neuer Musik und Neuen Medien zu fragen: nach Koppelungs- und Nutzungsmöglichkeiten, Affinitäten und Widersprüchen, Gefahren und Chancen. Ist Neue Musik (a)sozial?


Diesen Überlegungen bin ich im Gespräch mit und Musik von avancierten ›Usern‹ in Wort/Print und Klang/Funk nachgegangen: Blog-Pionier Moritz Eggert und Kultur-Raver Johannes Kreidler, Podcast-Schöpferin Irene Kurka und Netzwellen-Aktivist Martin Tchiba.

 

In der Neuen Zeitschrift für Musik (2/2019) im fiktiven Gespräch…

 

 

Im Deutschlandfunk (Atelier neuer Musik)  am 9.3.2019, 22:05-22:53.

 

PRIMA INTER PARES

Der Primus inter Pares genießt innerhalb einer grundsätzlich gleichberechtigten Gruppe eine besondere Wertschätzung. Nun bekommt die Szene der Neuen Musik eine Prima inter Pares: Rebecca Saunders, die schon allein deshalb eine Sonderstellung verdient hat, weil sie die erste Komponistin ist, die mit dem Ernst von Siemens Musikpreis den inoffiziellen Nobelpreis der Musik gewinnt – und das 45 Jahre nach dessen erster Stiftung im Jahr 1974.

Ein audiofeministisches Kommentar – erschienen und nachzulesen in der NMZ (2/2019)!

Foto: Charlotte Oswald

Echoes of `68

›QUERSTAND‹ VON KUNST+POLITIK
Der Schiffbruch von Hans Werner Henzes Floß der Medusa
Deutschlandfunk | 8.12.2018 | Atelier neuer Musik | 22:05-22:50

Durch die 1960er Jahre spukte ein ›querständiger‹ Geist, der die Gesellschaft wie die Künste, Politik und Avantgarde affizierte. Im heißen Winter 1968 entlud sich die Spannung in der Uraufführung von Hans Werner Henzes ›oratorio volgare e militare‹: »Das Floß der Medusa« erlitt spektakulären Schiffbruch und ging als größter politischer Skandal in die Musikgeschichte einging.

Das Feature lässt die eklatante Geschichte anhand einer akustischen Quelle aufleben: Die gesprengte Premiere wurde live gesendet und archiviert – heute vermittelt der Mitschnitt einen sinnlichen Beweis des ›querständigen‹ Geists, der um ›1968‹ durch Politik und Kunstmusik spukte. Dieses bemerkenswerte Tondokument wird in der Sendung mit einer aktuellen Aufnahme und zeitgemäßen Konnotationen des Oratoriums – den aktuellen Schiffbrüchigen auf dem Mittelmeer – in Bezug gesetzt .

FUTURE SOUNDSCAPES

Wie klingt die Zukunft? Das Future Soundscapes Festival widmet sich  Geschichte und Gegenwart des Science Fiction Sounds:

Ob das mechanische Quietschen der Gelenke von 
humanoiden Robotern, der bedrohlich-stampfende 
Rhythmus von Maschinenstädten, das digitale 
Prasseln von Bits und Bytes oder die sphärischen 
Klänge der unendlichen Weiten des Universums – 
all diese Geräuschkulissen verbinden wir mit 
utopischen bis dystopischen Bildwelten. 
Wie aber haben sich die akustischen Stereotype 
ausgebildet, und wieso halten wir sie für 
glaubwürdig? Welche Klänge verbinden wir mit 
totalitären Kontrollgesellschaften, mit Atomkrieg 
und Klimakatastrophen? Und welche mit friedvollen 
Vielvölkerstaaten? Wie klingt das Fremde, Unbekannte 
und Bedrohliche? Während die Narrative und Bilder 
des SciFi-Genres bereits allgegenwärtig und mit 
einer Vielzahl von Stereotypen fest im kollektiven 
Gedächtnis verankert sind, erkundet Future Soundscapes 
den Sound als essenzielles Element in der Gestaltung 
zukünftiger Welten: als Geräusch, Klang oder Musik.

Ich habe die Ehre, als Eröffnungsvortrag zu Future Soundscapes 2018 meine Sound-Lecture RAUSCH(EN): Ohne Noise — keine Zukunftsmusik zu halten. Danach stellt Manfred Miersch mit Subharchord und Theremin  zwei Instrumente vor, die die SciFi-Musik maßgeblich geprägt haben. Danach präsentiert Jan Brauer sein DJ Set zu „Das Himmelsschiff“ (1918) — einem der ersten Raumfahrt-Filme…

sound of talking

Die Verbindung von Sprache und Musik ist  grundsätzlich keine ungewöhnliche Kombination – denken wir  banal an Liedkunst oder die Oper. Die Avantgarden haben das auf neue Ebenen gehoben:  Dieter Schnebel etwa setzte mit seinen Maulwerkern die Stimme als perkussives und soziales Instrument in Szene, während Peter Ablinger mit seinem Zyklus Voices and Piano seit 1998  Stimmaufnahmen berühmter Persönlichkeiten in Rhythmus und Klang übersetzt, wobei der Klavierpart als zeitlicher und spektraler Scan der jeweiligen Stimme fungiert. Damit kommen wir dem Thema der Veranstaltung nahe, die ich am 13. Oktober 2018 in der Kunst-Station St. Peter moderier(t)e: den „sounds & structure in language and music II: Prominenz im Klang“ – wo die Verbindung von Sprache und Musik auf eine neue, soziolingusitische Ebene gehoben wird.

Auf dem Podium sitzen  abstrakt denkende Menschen, um die Schnittstelle von Sprache und Musik zu erkunden: Die fast schon legendäre Performanz-Theoretikerin und Sprach-Philosophin Prof. Dr. Dr. h.c. Sybille Krämer; Prof. Dr. Aria Adli, der in Köln das erste »Sociolinguistic Lab« gegründet hat und den SFB 1252 zur „Prominenz in Sprache“ leitet; und  der Komponist Roman Pfeifer.

Pfeifer widmet sich  mit seiner »Kammerelektronik« u.a.   artikulatorischer Phonetik, der  ›Motortheorie‹ der Sprachesowie mit künstlichen Stimmen und sprechenden Instrumenten beschäftigt. Auf Basis eines linguistischen Korpus, der dem Komponisten von Prof.  Adli zur Verfügung gestellt wurde, entstand A linguistic study of unexplained death für Schlagzeug und Elektronik, das die ungewöhnliche Berührung von Linguistik und Komposition sinnlich erfahrbar macht.

 

 

 

MPHIL125: „Orchestrale Schwarmintelligenz“

125 Jahre zählen die Münchner Philharmoniker: damit ist das Orchester älter und bezugsreicher als ein Menschenleben, über das der vielköpfig modellierte Klagkörper mit seinen zahllosen Einzelbiographien ohnehin weit hinausreicht. Kein eindimensionaler, linear-chronologischer Blick kann die Geschichte dieser hundertfünfundzwanzigjährigen und vielstimmig orchestrierten Schwarmintelligenz fassen, vielmehr ein Kaleidoskop von Assoziationen und Dimensionen wie Bild und Ton, Raum und Zeit, Geschichte und Gesichter: GESPINSTE!


Aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums der  Münchner Philharmoniker kuratierte Sandra Dichtl  im Austausch über die Klänge, Bilder und historischen Fakten eine Installation von Allun Turner, die sich der historischen Unfassbarkeit dieser »Orchestralen Schwarmintelligenz« (so der Titel meines Begleittexts) annähern möchte und die am 5. Oktober um 18:30 Uhr im Glashaus des Münchner Gasteigs Vernissage feierte:
 
Bilder von der Veranstaltung sowie mein Text finden sich auf auf der Website der Münchener Philharmoniker. Die Soundcollage von Angelika von Ammon ist hier zu hören: