U + E = Ü-Musik

Ein Gedankenmodell zur Überwindung einer belastenden Sezession

Viele wollen es nicht wahrhaben – und doch hat die dialektische Spaltung der Musik in eine U(nterhaltungs)- und eine E(rnste) Sparte in der breiten Öffentlichkeit Bestand. Überholt ist diese Trennung dennoch. Der in der NMZ (12/2016) erschienene Essay Ü-Musik entsteht in den Grenzbereichen ist ein nicht ganz ironiefreies „Gedankenmodell zur Überwindung einer belastenden Sezession“.

U + E = Ü: Aus der linguistischen Formel lässt sich leicht eine klingende Hypothese bilden: Aus U- und E- wird Ü-Musik. Mehr als nur ein Sprachspiel, kann die Verschiebung der kategorischen Umlaute als Gedankenmodell dienen, um aus der belastenden Sezession der analogen Musikkultur auszubrechen und diese in Richtung der hybriden Klangformen der digitalen Klangzeit zu aktualisieren. Damit wird der Zukunftsmusik ihre vielleicht wichtigste Komponente zurückzugeben: Ü-berraschung .

TOPLESS CELLIST, oder: DIE KÖNIGIN DER NACKT

DLF – Atelier neuer MusikSamstag, 4. März 2017, 22:05 – 22:49

Edgard Varèse bezeichnete sie als „Jeanne d’Arc der Neuen Musik“: Die Cellistin Charlotte Moorman avancierte in den späten 1960er Jahren zur weiblichen Ikone der transnationalen Fluxus-Bewegung, die mit destruktiver Geste die Versprechen des Dada erneuerte und die Musik der surrealen Aktion öffnete.

 

Am New Yorker Criminal Court stand im Mai 1967 ein Prozess auf der Tagesordnung, der Kunst und Recht vermengte und ästhetische wie juristische Konsequenzen nach sich zog: Mit Nam June Paiks „Opera Sextronique“ hielt die sexuelle Revolution Einzug in die Kunstmusik und wurde Charlotte Moorman zur legendären „topless cellist“. Die „Jeanne d’Arc der Neuen Musik“ (Edgard Varèse) wurde zur weiblichen Ikone der transnationalen Fluxus-Bewegung, die mit destruktiver Geste die Versprechen des Dada erneuerte und die Musik der surrealen Aktion öffnete.

Das Feature erzählt die wundersame Wandlung der Virtuosin Charlotte Moorman zur „topless cellist“ entlang klingender Exponate des Fluxus: Von der musikaktionischen Vater-Figur John Cage, über Phil Corners destruktiv-ästhetischen „Piano Activities“ bis hin zu Nam June Paiks „Anti-Musik“: Der Koreaner avancierte zum Pionier der Medienmusik, indem er die Grenzen der Musik sprengte und in der Verbindung von Licht, Geräusch, Bewegung und Material das multimedialen Gesamtkunstwerks der Moderne schuf.

 

AUFTAKT

Edgard Varèse, der große Klangpionier, nannte seine elektronisch erzeugten Tonbandeinschübe INTERPOLATIONEN und wählte damit einen prismatischen Begriff: Ethymologisch im lateinischen „interpolare“ – auffrischen, umgestalten, verfälschen – wurzelnd, ist er transdisziplinär wirksam: er verbindet Musik mit Mathematik und Literatur, mit Logik und Fotographie.

Diese Konstellation ist Inspiration für diese Seite, mein Denken und mein Schreiben: Im Zentrum steht die (neue, elektronische, digitale, experimentelle) MUSIK – nicht als autonomes Kunstprodukt, sondern in ihrer Verbindung mit Geschichte und Theorie, als kritische und ästhetische Praxis.