»Mister Fluxus« und die »Königin der Nackt«

Am 18. März 2018 eröffnet das Museum Giersch der Goethe-Universität in Frankfurt am Main  die Ausstellung »Freiraum der Kunst – Die Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt 1964-1968«. Die von der Frankfurter AsTA betriebenen Studiogalerie wurde um ›1968‹ zu einem Kristallisationsort, bei dem die Verbindung von Studentenrevolte und Kunstrevolution besonders deutlich zutage trat.

Schützenhilfe leisteten dabei Nam June Paik und Charlotte Moorman. ›Mister Fluxus‹ und die ›Königin der Nackt‹ machten ausgerechnet die studentische Studiogalerie zur Probebühne ihrer aktionistischen Vermischung von Kunst und Leben, die weit über Frankfurt hinausstrahlen sollte: von ›Mainhattan‹ bis Manhattan.

Davon erzählt mein Katalog-Text zur Ausstellung, die noch bis zum 8. Juli 2018 zu sehen ist, findet sich auch mein Text:

›MISTER FLUXUS‹ UND DIE ›KÖNIGIN DER NACKT‹: Charlotte Moorman und Nam June Paik auf der Frankfurter Studiogalerie

Ausgehend von den beiden Auftritten Paiks und Moormans auf der Frankfurter Studiogalerie,  handelt der Essay vom ›Querstand‹ der sozialen und die künstlerischen Avantgarden in den 1960er Jahren. Machten die demonstrierenden Studenten öffentliche Plätze zu theatralen Bühnen, wurden die Aktionismen der Fluxus-Künstler zu politischen Podien, auf denen zeitgenössische Problemlagen – von Kriegseinsätzen, über engagierte Kunst bis zur Emanzipation der Frau – verhandelt wurden. Paiks und Moormans  Auftritte auf der Frankfurter Studiogalerie zeigen, wie nah eine studentische Kunstinitiative den sozio-ästhetischen Strömungen der globalisierten Welt kommen kann. – Ist dergleichen heute noch möglich?

›Querstand‹ von Kunst und Politik (1968/2018)

Im Kontrapunkt zählt der ›Querstand‹ zu den ›verbotenen Fortschreitungen‹; in der Musikgeschichte steht er symbolisch für den ›querständigen‹ Geist von ›68‹: Mein Essay ÄSTHETISCHER AKTIONISMUS (NMZ 2/2018) widmet sich diesem Phantasma:

Neue Musikzeitung (2/2018)

Ausgehend von einem Gespräch mit Dieter Schnebel eröffnet das Dossier ein Panorama auf die vielen querständigen Musikereignisse im Geist von ´68: ›Komponierende Kommunisten‹ wie Luigi Nono und Hans Werner Henze betrieben einen ›Klingenden Klassenkampf‹ und rahmten die Dekade mit den politischen Musikskandalen um Nonos Intolleranza (1961) und Henzes Floß der Medusa (1968). Auch Mauricio Kagel machte das Musiktheater zum Medium und einer Bühne der Politik – indem er mit Staatstheater (1971) zeigte, dass es STAATS-Theater und Staats-THEATER gibt. Noch weiter ging die Fluxus-Bewegung: in Analogie zu den demonstrierenden Studenten auf den Straßen beschworen ästhetische Aktivisten wie Nam June Paik oder Phil Corner die produktive Kraft von Destruktion und machten öffentliche Plätze zu theatralen Bühnen und politischen Podien. Agierten sie als eine Art Außerparlamentarische Opposition der Avantgarde, stand politische engagierte Musik an den Zentren der Neuen Musik für ein ästhetisch retardierendes Moment und unter Generalverdacht – dennoch schlugen sich 1970 auch  auf dem avantgardistischen Elfenbeinturm in Darmstadt  die politistierten Zeichen der Zeit nieder…

Doch was ist historische Exegese ohne Bezug zur Gegenwart?!

Verstanden sich in den 1960er Jahren ›Neue Linke‹ und ›Neue Musik‹ als sozioästhetische Avantgarden und setzten damit enormes künstlerisches Potential frei, hat sich das Bild radikal gewandelt: heute sind es die populistischen Strömungen der ›Neuen Rechten‹, die sich als gesellschaftliche Vorreiter verstehen, während die Neue Musik nur noch wenig zum öffentlichen Diskurs beiträgt und die ›Alte Linke‹ über die Positionen von `68 kaum hinausgekommen ist. Es scheint also an der Zeit, soziale und künstlerische Avantgarde wieder zusammenzudenken und einen ›Querstand‹ von Kunst und Politik zu erzeugen, der die enormen weltpolitischen Transformationsprozesse – von der Flüchtlingskrise bis zu den nationalen und populistischen Strömungen der globalisierten Welt – in kreative und kritische Bahnen zu lenken weiß.

Friedrich Schenkers MISSA NIGRA – ein Warnruf IM ANTHROPOZÄN

Anna Schürmer beim "Forum neuer Musik" 2017

Der Mensch erscheint im Holozän“ (Max Frisch, 1979). Im Anthropozän aber baut die Spezies ihre eigene Abschussrampe: „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“ (Peter Sloterdijk, 2011).


Friedrich Schenker schrieb sein „Kammerspiel II“ MISSA NIGRA 1979 mit Blick auf ein zynisches Symbol des Kalten Krieges: Die Neutronenbombe ließ den Leipziger Komponisten und Posaunisten „Musik zum pazifistischen Gebrauch“ schreiben; friedvoll sind die Klänge seiner schwarzen Messe allerdings kein bisschen. Vielmehr nutzt er aggressive Tongebung, schärfste Kontraste und  tragikomische Assonanzen, um ins Spiel zu setzen, was auf dem Spiel steht: In seinem alptraumhaften Happening setzt er die unmenschlichen Perversionen des menschlichen Denkens in neun Teilen als Warnruf vor dem menschgemachten Untergang der Spezies in Szene – die im Anthropozän neue Dringlichkeit entfaltet.


Die MISSA NIGRA ist Gegenstand meines publizistischen Zyklus, der sich um eine Aktualisierung des Werkes und seines Stoffes in der Gegenwart bemüht.

Anlass war das „Forum neuer Musik“ des Deutschlandfunks, das sich 2017 mit einem nur scheinbar unmusikalischem Thema beschäftigte:

IM ANTHROPOZÄN“

Der amerikanische Philosoph Timothy Morton prophezeite: „Die Zeit wird kommen wo wir an jeden Text die Frage stellen, was sagt er über das Klima aus“ – und genau das tat Frank Kämpfer mit seinem Forum neuer Musik 2017:

„Der Mensch ist heute der zentrale irdische Akteur. Wir sind dabei, die Biosphäre, unsere Lebensumwelt auf der Jagd nach Wachstum aller Art immer stärker zu stören. Die zeitgenössischen Künste müssen sich dazu positionieren!“

Das zeigt sich nicht nur in neuen Werken wie „Kudzu / the sixth phase/„, in dem die schwedische Komponistin Malin Bång die irdische Klimaerwärmung und die Potenziale der Pflanzen mit musiktheatralen Mitteln zusammendenkt. Auch ältere und in anderen Kontexten entstandene Werke wie „De natura hominis“ (1998) von Georg Katzer oder eben Friedrich Schenkers „Missa nigra“ lassen sich mit heutigen Fragen aktualisieren: Nicht nur Weltpolitik, auch anthropogene Ereignisse wie der Klimawandel, Medienumbrüche wie die Digitalisierung und  neue Formationen zwischen Natur und Kultur wie die „Technosphere“ lassen Werke reagieren.


Den Auftakt zu der Serie macht mein Text DER ALTE FRITZ UND DIE BOMBE, der in der (2/2017) der Neuen Zeitschrift für Musik (NZfM) erschienen ist.

Am 7. April folgt in Köln die Premiere der Neuinszenierung von Oliver Klöter in der musikalischen Interpretation des ensemble 20/21 unter der Leitung von David Smeyers. Am Vormittag, im Rahmen der Matinee an der Kölner Musikhochschule wo Stefan Amzoll, Nina Noeske und ich dem „Naturfreund und Apokalyptiker“ Friedrich Schenker bedachten, hielt ich meinen Vortrag „Der Alte Fritz und die Bombe“ über die Bombe als ebenso physisches wie metaphysisches Symbol für die anthropogenen Schrecken.  Am Abend folgte im Foyer des Funkhauses meine Lecture „Vom Original zur Aktualisierung“, in der ein audiovisuelles Artefakt im Zentrum stand: der Mitschnitt der Urinszenierung von 1979 im Alten Rathaus zu Leipzig, wo die Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“  Friedrich Schenkers kunstvolle Schreckensvisionen als politdadaistische Orgie in schwarzen Farben ausmalte und eine Bo,be lautmalerisch detonieren ließ:

Im Nachgang entstand im Juli 2017 mein Konzertdokument, das in zwei Stunden die Neuinszenierung durch Oliver Klöter und das Ensemble 20/21 unter David Smyers vorstellt und kommentiert und zeigt: Auch in Hörweite der zeitgenössischen Problemlagen – neuen Kriegen, Nationalismus und Protektionismus etc. – entfaltet Friedrich Schenkers MISSA NIGRA ungeheure Kraft.

 

 

TOPLESS CELLIST, oder: DIE KÖNIGIN DER NACKT

DLF – Atelier neuer MusikSamstag, 4. März 2017, 22:05 – 22:49

Edgard Varèse bezeichnete sie als „Jeanne d’Arc der Neuen Musik“: Die Cellistin Charlotte Moorman avancierte in den späten 1960er Jahren zur weiblichen Ikone der transnationalen Fluxus-Bewegung, die mit destruktiver Geste die Versprechen des Dada erneuerte und die Musik der surrealen Aktion öffnete.

 

Am New Yorker Criminal Court stand im Mai 1967 ein Prozess auf der Tagesordnung, der Kunst und Recht vermengte und ästhetische wie juristische Konsequenzen nach sich zog: Mit Nam June Paiks „Opera Sextronique“ hielt die sexuelle Revolution Einzug in die Kunstmusik und wurde Charlotte Moorman zur legendären „topless cellist“. Die „Jeanne d’Arc der Neuen Musik“ (Edgard Varèse) wurde zur weiblichen Ikone der transnationalen Fluxus-Bewegung, die mit destruktiver Geste die Versprechen des Dada erneuerte und die Musik der surrealen Aktion öffnete.

Das Feature erzählt die wundersame Wandlung der Virtuosin Charlotte Moorman zur „topless cellist“ entlang klingender Exponate des Fluxus: Von der musikaktionischen Vater-Figur John Cage, über Phil Corners destruktiv-ästhetischen „Piano Activities“ bis hin zu Nam June Paiks „Anti-Musik“: Der Koreaner avancierte zum Pionier der Medienmusik, indem er die Grenzen der Musik sprengte und in der Verbindung von Licht, Geräusch, Bewegung und Material das multimedialen Gesamtkunstwerks der Moderne schuf.