Doktorspiele mit Tönen

Das musikalische Wartezimmer ist eröffnet, der Ton liegt auf dem Seziertisch: Bei ›OperationTon‹ in Hamburg wird Musik auf Herz und Nieren geprüft – und ich freue mich sehr, am 3./4. November als ›Noise-Doktorin‹ dabei zu sein!

Anna Schürmer

Die Damen von RockCity in Hamburg realisieren eines der irritierensten Festivals zur Musikkultur – 2017 wird unter dem Motto »Killing me softly« der Kreativmarkt auf seine Lebensfunktionen geprüft:

»Das diesjährige Motto kommt soft. Samtweich, obwohl uns draußen der fiese Wind eines selbstbeschworenen Untergangsszenarios ins Gesicht bläst. Wie kann das sein? Wir fragen uns und Euch genau das: Wo sind die smoothen Antworten der Kunst auf den harten Ton der Neuzeit? Wo sind eure Ideen zum get out für alle? Wir sagen: Future heißt NO CREATIVE BORDERS!«

Recht haben Sie!

»Killing me softly« bläst einem seinen post-humanen Atem ins Gesicht: im Rausch(en) manifestiert sich eine digitale Epochenästhetik, die kein ›U‹ und kein ›E‹ mehr kennt: Ü-MUSIK.

 

In dieser Utopie wird es möglich, Edgard Varèse mit Frank Zappa zusammenzudenken, Karlheinz Stockhausen mit Kraftwerk und Peter Ablinger mit Techno.

Die Virus-indizierten Klänge von James Hoff und und das ›Natural Radio‹ dagegen weisen auf  medienökologische Dimensionen des Akustischen…

FILMFEST MÜNCHEN 2017

Filmfest München 2017

Ich freue mich sehr, beim FILMFEST MÜNCHEN 2017 in praktischer Tätigkeit dabei (gewesen) zu sein!

Das Festival eröffnete am 21. Juli mit Claire Denis‘ süß-bitterem Film „Un Beau Soleil Intérieur“ mit der wunderbaren Juliette Binoche als ebenso anbetungswürdige wie neurotischische Isabelle. Am Ende wirbelt  Gérard Depardieu mit seinem kurzen aber gewaltigen Auftritt die Frage nach dem Frau- und Mann-Sein durcheinander.

 

Meine Besprechung des Films – „Flüchtige Sonnenstrahlen“ – findet sich im Filmfest-Magazin, das ich mit der Redaktion des FILMFEST MÜNCHEN gestalten durfte. Darin finden sich nicht nur Kurzsynopsen zu jedem einzelnen Film, sondern auch ausführliche Berichte über die Ehrengäste Sofia Coppolla, Reinhard Hauff und Bryan Cranston. Mit dem CineMerit-Preisträger habe ich auf Basis seines Auftritts bei „Filmmakers Live“ ein fiktives Interview geführt, das ihn als klugen Regisseur seiner Person auch jenseits der Leinwand zeigt: Scripted Reality Romcom ist in der cinearte 400 (7/2017) erschienen.

Und vergessen wir nicht, dass der Film ein AUDIO-visuelles Konstrukt ist: Das zeigten die Konzertfilme des „Loud & Famous“-Open Air, auf dem „Heroes“ wie David Bowie (bzw. sein Alter Ego Ziggy Stardust) zumindest auf der Leinwand auferstanden und David Byrne mit den Talking Heads die ewige dadaistische Weisheit noch einmal zeitlos untermauerte:

„Stop Making Sense!“

 

RAUSCH(EN): Eine laute Sound-Lecture

Rausch(en)-Soundlecture im Lothringer13

Im Rahmen der Finissage der Ausstellung YOU ARE IN MY WAVE gabs am  28. Mai 2017 im Lothringer13 Rausch(en) auf die Ohren:

Zwischen den  „Animal Crackers“ und „Lovebrain and Diskotäschen“ spreche ich über Posthumane Sinfonien – OHNE NOISE – KEINE ZUKUNFTSMUSIK – und unternehme eine klingende Zeitreise durch die Gründe der Medienmusik : Von Stockhausen und Kraftwerk, Varèse und Zappa über den Techno bis in die Ü-Musik der digitalen Ära.

Finissage YOU ARE IN MY WAVE – Konzerte & Sound Lecture

 

Friedrich Schenkers MISSA NIGRA – ein Warnruf IM ANTHROPOZÄN

Anna Schürmer beim "Forum neuer Musik" 2017

Der Mensch erscheint im Holozän“ (Max Frisch, 1979). Im Anthropozän aber baut die Spezies ihre eigene Abschussrampe: „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“ (Peter Sloterdijk, 2011).


Friedrich Schenker schrieb sein „Kammerspiel II“ MISSA NIGRA 1979 mit Blick auf ein zynisches Symbol des Kalten Krieges: Die Neutronenbombe ließ den Leipziger Komponisten und Posaunisten „Musik zum pazifistischen Gebrauch“ schreiben; friedvoll sind die Klänge seiner schwarzen Messe allerdings kein bisschen. Vielmehr nutzt er aggressive Tongebung, schärfste Kontraste und  tragikomische Assonanzen, um ins Spiel zu setzen, was auf dem Spiel steht: In seinem alptraumhaften Happening setzt er die unmenschlichen Perversionen des menschlichen Denkens in neun Teilen als Warnruf vor dem menschgemachten Untergang der Spezies in Szene – die im Anthropozän neue Dringlichkeit entfaltet.


Die MISSA NIGRA ist Gegenstand meines publizistischen Zyklus, der sich um eine Aktualisierung des Werkes und seines Stoffes in der Gegenwart bemüht.

Anlass war das „Forum neuer Musik“ des Deutschlandfunks, das sich 2017 mit einem nur scheinbar unmusikalischem Thema beschäftigte:

IM ANTHROPOZÄN“

Der amerikanische Philosoph Timothy Morton prophezeite: „Die Zeit wird kommen wo wir an jeden Text die Frage stellen, was sagt er über das Klima aus“ – und genau das tat Frank Kämpfer mit seinem Forum neuer Musik 2017:

„Der Mensch ist heute der zentrale irdische Akteur. Wir sind dabei, die Biosphäre, unsere Lebensumwelt auf der Jagd nach Wachstum aller Art immer stärker zu stören. Die zeitgenössischen Künste müssen sich dazu positionieren!“

Das zeigt sich nicht nur in neuen Werken wie „Kudzu / the sixth phase/„, in dem die schwedische Komponistin Malin Bång die irdische Klimaerwärmung und die Potenziale der Pflanzen mit musiktheatralen Mitteln zusammendenkt. Auch ältere und in anderen Kontexten entstandene Werke wie „De natura hominis“ (1998) von Georg Katzer oder eben Friedrich Schenkers „Missa nigra“ lassen sich mit heutigen Fragen aktualisieren: Nicht nur Weltpolitik, auch anthropogene Ereignisse wie der Klimawandel, Medienumbrüche wie die Digitalisierung und  neue Formationen zwischen Natur und Kultur wie die „Technosphere“ lassen Werke reagieren.


Den Auftakt zu der Serie macht mein Text DER ALTE FRITZ UND DIE BOMBE, der in der (2/2017) der Neuen Zeitschrift für Musik (NZfM) erschienen ist.

Am 7. April folgt in Köln die Premiere der Neuinszenierung von Oliver Klöter in der musikalischen Interpretation des ensemble 20/21 unter der Leitung von David Smeyers. Am Vormittag, im Rahmen der Matinee an der Kölner Musikhochschule wo Stefan Amzoll, Nina Noeske und ich dem „Naturfreund und Apokalyptiker“ Friedrich Schenker bedachten, hielt ich meinen Vortrag „Der Alte Fritz und die Bombe“ über die Bombe als ebenso physisches wie metaphysisches Symbol für die anthropogenen Schrecken.  Am Abend folgte im Foyer des Funkhauses meine Lecture „Vom Original zur Aktualisierung“, in der ein audiovisuelles Artefakt im Zentrum stand: der Mitschnitt der Urinszenierung von 1979 im Alten Rathaus zu Leipzig, wo die Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“  Friedrich Schenkers kunstvolle Schreckensvisionen als politdadaistische Orgie in schwarzen Farben ausmalte und eine Bo,be lautmalerisch detonieren ließ:

Im Nachgang entstand im Juli 2017 mein Konzertdokument, das in zwei Stunden die Neuinszenierung durch Oliver Klöter und das Ensemble 20/21 unter David Smyers vorstellt und kommentiert und zeigt: Auch in Hörweite der zeitgenössischen Problemlagen – neuen Kriegen, Nationalismus und Protektionismus etc. – entfaltet Friedrich Schenkers MISSA NIGRA ungeheure Kraft.