Echoes of `68

›QUERSTAND‹ VON KUNST+POLITIK
Der Schiffbruch von Hans Werner Henzes Floß der Medusa
Deutschlandfunk | 8.12.2018 | Atelier neuer Musik | 22:05-22:50

Durch die 1960er Jahre spukte ein ›querständiger‹ Geist, der die Gesellschaft wie die Künste, Politik und Avantgarde affizierte. Im heißen Winter 1968 entlud sich die Spannung in der Uraufführung von Hans Werner Henzes ›oratorio volgare e militare‹: »Das Floß der Medusa« erlitt spektakulären Schiffbruch und ging als größter politischer Skandal in die Musikgeschichte einging.

Das Feature lässt die eklatante Geschichte anhand einer akustischen Quelle aufleben: Die gesprengte Premiere wurde live gesendet und archiviert – heute vermittelt der Mitschnitt einen sinnlichen Beweis des ›querständigen‹ Geists, der um ›1968‹ durch Politik und Kunstmusik spukte. Dieses bemerkenswerte Tondokument wird in der Sendung mit einer aktuellen Aufnahme und zeitgemäßen Konnotationen des Oratoriums – den aktuellen Schiffbrüchigen auf dem Mittelmeer – in Bezug gesetzt .

›Querstand‹ von Kunst und Politik (1968/2018)

Im Kontrapunkt zählt der ›Querstand‹ zu den ›verbotenen Fortschreitungen‹; in der Musikgeschichte steht er symbolisch für den ›querständigen‹ Geist von ›68‹: Mein Essay ÄSTHETISCHER AKTIONISMUS (NMZ 2/2018) widmet sich diesem Phantasma:

Neue Musikzeitung (2/2018)

Ausgehend von einem Gespräch mit Dieter Schnebel eröffnet das Dossier ein Panorama auf die vielen querständigen Musikereignisse im Geist von ´68: ›Komponierende Kommunisten‹ wie Luigi Nono und Hans Werner Henze betrieben einen ›Klingenden Klassenkampf‹ und rahmten die Dekade mit den politischen Musikskandalen um Nonos Intolleranza (1961) und Henzes Floß der Medusa (1968). Auch Mauricio Kagel machte das Musiktheater zum Medium und einer Bühne der Politik – indem er mit Staatstheater (1971) zeigte, dass es STAATS-Theater und Staats-THEATER gibt. Noch weiter ging die Fluxus-Bewegung: in Analogie zu den demonstrierenden Studenten auf den Straßen beschworen ästhetische Aktivisten wie Nam June Paik oder Phil Corner die produktive Kraft von Destruktion und machten öffentliche Plätze zu theatralen Bühnen und politischen Podien. Agierten sie als eine Art Außerparlamentarische Opposition der Avantgarde, stand politische engagierte Musik an den Zentren der Neuen Musik für ein ästhetisch retardierendes Moment und unter Generalverdacht – dennoch schlugen sich 1970 auch  auf dem avantgardistischen Elfenbeinturm in Darmstadt  die politistierten Zeichen der Zeit nieder…

Doch was ist historische Exegese ohne Bezug zur Gegenwart?!

Verstanden sich in den 1960er Jahren ›Neue Linke‹ und ›Neue Musik‹ als sozioästhetische Avantgarden und setzten damit enormes künstlerisches Potential frei, hat sich das Bild radikal gewandelt: heute sind es die populistischen Strömungen der ›Neuen Rechten‹, die sich als gesellschaftliche Vorreiter verstehen, während die Neue Musik nur noch wenig zum öffentlichen Diskurs beiträgt und die ›Alte Linke‹ über die Positionen von `68 kaum hinausgekommen ist. Es scheint also an der Zeit, soziale und künstlerische Avantgarde wieder zusammenzudenken und einen ›Querstand‹ von Kunst und Politik zu erzeugen, der die enormen weltpolitischen Transformationsprozesse – von der Flüchtlingskrise bis zu den nationalen und populistischen Strömungen der globalisierten Welt – in kreative und kritische Bahnen zu lenken weiß.